Aufwachsen in Frieden und Sicherheit

Mehr als jedes sechste Kind wächst heute in einem Konfliktgebiet auf. Auch in Österreich ist die Angst vor Krieg unter Jugendlichen stark gestiegen: Laut aktueller Ö3-Jugendstudie bereitet 82 % der jungen Menschen der Gedanke an Krieg große Sorgen. Deshalb hat sich der Vorstand der BJV 2023 entschieden, Frieden und Sicherheit zu einem zentralen Arbeitsschwerpunkt zu machen.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, Gewalt im Nahen Osten oder im Sudan zeigen: Junge Menschen sind weltweit direkt von Konflikten betroffen. Die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen ist laut Global Peace Index so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Auch die Zahl der Kinder, die in Kriegsregionen leben, hat sich seit den 1990ern fast verdoppelt – von rund zehn Prozent auf heute fast 19 Prozent.

Bereits 2015 hat der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution zu Jugend, Frieden und Sicherheit (YPS) festgelegt: Junge Menschen sollen aktiv in Friedensprozesse eingebunden werden. Auch Österreich ist rechtlich verpflichtet, das umzusetzen – doch konkrete Maßnahmen fehlen bisher.

Junge Menschen als Friedensgestalter*innen

Finnland ist hier ein Vorreiter: 2021 verabschiedete das Land als erstes einen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution. Das war auch der Grund, warum sich die BJV entschloss, ihren Schwerpunkt „Aufwachsen in Frieden und Sicherheit“ in Kooperation mit der finnischen Jugendvertretung Nuorisoala (vormals Alliansi) umzusetzen. Über ein Erasmus+ gefördertes Projekt konnten eine Studienreise nach Finnland, Diskussionsrunden mit Expert*innen und die Ausarbeitung eines neuen Positionspapiers stattfinden.

Ein wichtiges Ziel des Projektes war es Wissen und Kompetenzen von Jugendorganisationen zu stärken. Gemeinsam mit Vertreter*innen ihrer Mitgliedsorganisationen arbeitete die BJV ein umfassendes Verständnis von Frieden und Sicherheit aus der Perspektive von jungen Menschen aus. Daraus entstanden konkrete Positionen, die darauf abzielen jungen Menschen ein Leben in einer friedlichen Gesellschaft zu ermöglichen. Dabei geht es nicht nur um klassische Sicherheitspolitik, sondern auch um Themen wie Teilhabe, Bildung, Klima, Digitalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit. Denn Frieden heißt mehr als die Abwesenheit von Krieg – es geht um die Sicherung der Lebensgrundlagen junger Menschen.

Das Positionspapier umfasst folgende Themen:

Die aktuellen globalen Herausforderungen verdeutlichen, dass die internationale Zusammenarbeit und diplomatische Bemühungen verstärkt werden müssen. Besonders junge Menschen in Krisen- und Konfliktregionen müssen stärker in Prozesse internationaler Organisationen wie der UN oder auch EU eingebunden werden.

Partizipation und soziale Teilhabe bilden das Fundament einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft. Deshalb müssen Kinder- und Jugendarbeit, sichere Begegnungsräume und inklusive Informationsangebote so ausgebaut werden, dass alle jungen Menschen ihre Interessen einbringen und demokratische Kompetenzen entwickeln können.

Nachrichten über Krieg und Gewalt verunsichern viele junge Menschen. Die BJV fordert, Bildung und Information gezielt als Werkzeuge für Frieden zu nutzen – mit Angeboten, die junge Menschen stärken und dabei unterstützen, eine demokratische und friedliche Zukunft mitzugestalten.

Eine ausgewogene Verteidigungs- und Militärpolitik ist entscheidend für ein friedliches Aufwachsen junger Menschen. Sie darf aber nicht nur auf militärische Stärke setzen, sondern muss Frieden, Nachhaltigkeit und Diversität fördern. Besonders wichtig ist die Neutralität Österreichs, die ermöglicht, sich aktiv für den Schutz von jungen Menschen in Konfliktgebieten einzusetzen.

Kriminelle und radikalisierende Tendenzen bei jungen Menschen wirken weit über sicherheitspolitische Fragen hinaus in die Gesellschaft hinein. Die BJV setzt sich für einen differenzierten Blick auf die vielfältigen Ursachen von Kinder- und Jugenddelinquenz ein und fordert, den Entwicklungen mit Prävention, früher Intervention und starkem Kinder- und Jugendschutz zu begegnen.

Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand sind ohne ein stabiles Klima nicht denkbar. Junge Menschen tragen kaum zur Klimakrise bei, sind aber am stärksten betroffen und entscheidend für deren Lösung. Die BJV fordert daher ihre aktive Beteiligung sowie u. a. ein wirksames Klimaschutzgesetz und den Ausstieg aus fossilen Energien.

Die Digitalisierung bietet Chancen, bringt aber auch Risiken für Frieden und Sicherheit. Junge Menschen müssen in digitalen Räumen geschützt, aufgeklärt und gestärkt werden. Digitale Sicherheit heißt dabei mehr als Schutz vor Angriffen – sie umfasst auch Grundrechte und einen respektvollen Umgang.

Frauen und LGBTQIA+-Personen sind mehrfach Risiken ausgesetzt – etwa durch häusliche Gewalt, sexualisierte Übergriffe im öffentlichen Raum oder durch digitale Gewaltformen wie Stalking. Die BJV fordert u. a. die Thematisierung von genderspezfischer Gewalt als zentrales sicherheitspolitisches Thema und eine stärkere Bekämpfung von Gewalt an Frauen.

Studienreise nach Finnland

Input für das Positionspapier lieferte eine Reise nach Finnland: Im Frühjahr 2024 reiste eine Delegation der BJV dorthin, um sich mit der finnischen Jugendvertretung sowie politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen auszutauschen. Besonders wertvoll waren die Einblicke in die Entstehung und Umsetzung des finnischen Aktionsplans sowie in die bisherigen Lobbying-Aktivitäten vor Ort.

Im Rahmen des Schwerpunkts Aufwachsen in Frieden und Sicherheit reiste die BJV nach Finnland. Das Foto zeigt die BJV-Delegation in Finnland.

Während die BJV ihr Positionspapier erarbeitete, das unter anderem auch die Forderung nach einem Aktionsplan enthält, wie ihn Finnland bereits umgesetzt hat, organisierten die finnischen Jugendvertreter*innen zwei Webinare mit Expert*innen, die Einblicke in die Arbeit und Prioritätensetzung  im Bereich YPS auf europäischer Ebene gaben. Ein intensiver Austausch mit europäischen Entscheidungsträger*innen zum Thema fand auch während einer Brüsselreise einer finnischen Delegation statt. Außerdem wurden im Rahmen des Projektes eine Sammlung von spannenden Beiträgen zum Thema Jugend, Frieden, Sicherheit und die Ergebnisse einer Konsultation zum Thema unter jungen Menschen veröffentlicht, die auf der Website des finnischen YPS-Netzwerks öffentlich zur Verfügung stehen.

Politik und Jugend diskutierten im Parlament

Bei einer Diskussionsveranstaltung im Parlament diskutierten Vertreter*innen aller Parlamentsparteien gemeinsam mit jungen Menschen darüber, welche Rolle Jugendliche in Friedens- und Sicherheitsdebatten einnehmen und wie die UN-Resolution in Österreich besser umgesetzt werden kann.

Außerdem luden die UN-Jugenddelegierten Jana Berchtold und Markus Wane weitere Jugendvertreter*innen aus Europa nach Wien ein, um sich erneut darüber auszutauschen, wie es in den einzelnen Ländern um die Umsetzung der Agenda steht. Mit dabei war auch die Vorsitzende des finnischen YPS-Netzwerks in der finnischen Jugendvertretung.

Im Rahmen einer Social-Media-Kampagne und in einer Broschüre informierte die BJV über die erarbeiteten Positionen und Projektaktivitäten.

Die BJV wird sich weiterhin dafür stark machen, dass junge Menschen aktiv in Friedens- und Sicherheitsdebatten eingebunden werden. Ein erster Schritt konnte bereits erreicht werden: Im Juni 2025 wurde erstmals im Familienausschuss über die Umsetzung eines nationalen Aktionsplans zu Jugend, Frieden und Sicherheit diskutiert.