25 Jahre Frauen-, Friedens-, und Sicherheitsagenda: eine Bestandsaufnahme

Anfang Februar hat das österreichische Außenministerium in Wien eine Konferenz zum 25-jährigen Jubiläum der Frauen-, Friedens- und Sicherheitsagenda (WPS) veranstaltet. Ich war als UN-Jugenddelegierter eingeladen und habe eines der Panels zur institutionellen Unterstützung in Friedensprozessen als Rapporteur begleitet. Das war für mich auch deshalb besonders relevant, weil die Bundesjugendvertretung zur Jugend-, Friedens- und Sicherheitsagenda (YPS) arbeitet: beide Agenden überlappen inhaltlich, und gerade weil WPS zehn Jahre “älter” ist, kann YPS viel aus ihren Erfolgen und Lücken lernen.

Was bei der Konferenz auffiel: Die WPS-Agenda hat viele Gesichter. Für Länder ohne aktive bewaffnete Konflikte ist sie oft vor allem ein außenpolitisches Instrument: Projekte finanzieren, Expertise entsenden, multilateral verhandeln. Für Länder mitten in Konflikten geht es um Unmittelbareres: Schutz, Beteiligung an den eigenen Friedensverhandlungen, Überleben. Dass Vertreter*innen aus beiden Kontexten bei einer zuerst nicht öffentlich angekündigten Konferenz im selben Raum saßen, hat Muster sichtbar gemacht, die man aus der Ferne leicht übersieht.

Drei Personen sitzen in roten Ledersesseln bei einer Diskussionsveranstaltung. Ein junger Mann in der Mitte hält ein Mikrophon und spricht.

© BMEIA / Auer-Grumbach, Closing Session - Rapporteurs

Was die Agenda geschaffen hat – und was nicht

Was die WPS-Agenda in 25 Jahren vor allem geleistet hat, ist kein einzelner Durchbruch, sondern etwas Strukturelles: eine gemeinsame Sprache. Partizipation, Schutz, Prävention, Nothilfe und Wiederaufbau – vier Säulen, die es ermöglichen, dass eine frühere Staatspräsidentin, fünf Außenminister*innen, eine Co-Vorsitzende eines AU-Friedensmechanismus und ein EU-Sonderbeauftragter in Wien dieselbe Diskussion führen konnten, obwohl ihre Kontexte sehr verschieden sind.

Das klingt nach wenig. Ist es aber nicht. Ohne diese gemeinsamen Begriffe und Konzepte bleiben Diskussionen über Frauen in Konflikten leicht bei Einzelfällen stehen. Erfahrungen lassen sich nicht so gut vergleichen, Fortschritte nicht messen, Verantwortlichkeiten nicht benennen. Die Pillar-Struktur gibt Akteur*innen, die sonst aneinander vorbeireden würden, ein gemeinsames Koordinatensystem. Zum Beispiel lässt sich damit sagen: Ein Land ist bei Prävention stark, aber bei Partizipation schwach – und diese Aussage ist über Kontexte hinweg verständlich.

Friedensarbeit von Frauen in Communities, an Verhandlungstischen, oft unter erheblichem persönlichem Risiko, hat lange vor Resolution 1325 begonnen und setzt sich unabhängig davon fort. Die formelle Agenda hat diese Arbeit nicht erfunden, sie hat sie sichtbarer gemacht. Und das ist viel wert. Eines darf dabei nicht außer Acht gelassen werden: Wenn die Agenda ihren Bezug zu diesen Akteurinnen verliert, wenn sie zu einem diplomatischen Instrument wird, das vor allem auf Konferenzen funktioniert, dann verliert sie ihre Grundlage.

Fünf Frauen sitzen bei einer Diskussionsveranstaltung. Eine Frau, die österreichische Außenministerin, spricht gerade in ein Mikrophon.

© BMEIA / Auer-Grumbach, High-Level Panel - BMR

Politischer Wille als eigentliche Leerstelle

Die klarste Diagnose der Konferenz kam von mehreren Seiten gleichzeitig: Was fehlt, sind nicht Rahmenwerke. Die Resolutionen existieren. Die Aktionspläne existieren (oftmals). Was vor allem fehlt, ist der politische Wille sie umzusetzen. Und das ist kein Zufall. Friedensprozesse, die top-down verhandelt werden, schließen genau jene Akteur*innen aus, die am stärksten auf Umsetzung drängen würden. Es entsteht ein Kreislauf, der sich selbst aufrechterhält: exklusive Prozesse produzieren Vereinbarungen, an deren Einhaltung die Ausgeschlossenen keinen Hebel haben. In den Diskussionen wurde dabei auch die Frage aufgeworfen, ob die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen nicht oft formell bleibt und ob es wirklich jene mit Konflikterfahrung und Basisanbindung sind, die am Tisch sitzen.

Dazu kommt eine Ressourcenfrage, die in Wien ungewöhnlich direkt formuliert wurde: Die globalen Kosten von Gewalt werden auf rund 19,6 Billionen Dollar geschätzt. Die Investitionen in Prävention – in die Ökosysteme, die Friedensarbeit vor Ort ermöglichen – sind demgegenüber verschwindend. Eine feministische Perspektive stellt dieses Verhältnis grundsätzlich in Frage.

Am Tag nach der Konferenz nahm ich an einem zivilgesellschaftlichen Roundtable des VIDC teil, bei dem NGOs und Ministeriumsvertreter*innen die Konferenzinhalte deutlich offener besprachen.

© BMEIA / Auer-Grumbach, Panel Two - Audience

Und was heißt das für die YPS-Agenda?

Wer sich, wie wir, intensiv mit Youth, Peace and Security beschäftigt, blickt auf die breite hochrangige Aufmerksamkeit für WPS nicht ganz neidlos. Die beiden Agenden sind inhaltlich tief miteinander verwoben. Viele der WPS-Diagnosen, wie fehlender politischer Wille, exklusive Prozesse, der Unterschied zwischen formeller Beteiligung und tatsächlichem Einfluss, treffen auf die YPS-Agenda genauso zu. Aber zehn Jahre nach UNSCR 2250, dem ersten YPS-Meilenstein, und wenige Monate nach der einstimmigen Verabschiedung von UNSCR 2807 – der vierten YPS-Resolution, im Dezember 2025 – fehlt auf politischer Ebene noch viel von dieser Breite.

Die Bundesjugendvertretung hat im letzten Jahr ein Positionspapier zu “Aufwachsen in Frieden und Sicherheit” erarbeitet. Als UN-Jugenddelegierte haben wir an drei offenen Briefen an den UN-Sicherheitsrat mitgewirkt – einer wurde unter der Schweizer Ratspräsidentschaft als offizielles Sicherheitsratsdokument aufgenommen. YPS-Anliegen haben wir in die Verhandlungen zu Entwicklungsfinanzierung und ins Dritte Komitee der Generalversammlung eingebracht, beim High-Level-Event zum zehnjährigen Jubiläum als Redner mitgewirkt und in New York Side-Events organisiert – unter anderem ging es auch um Überschneidungen von YPS und WPS und zum Nexus von Jugend, Frieden und Umwelt.

Der österreichische UN-Jugenddelegierte Markus Wane spricht bei einer UN-Veranstaltung zu Youth, Peace and Security. Er steht an einem Rednerpult. Neben ihm sitzen fünf weitere Personen an Tischen. Im Hintergrund ist eine Präsentation und das Bild des Redners eingeblendet.

© UNODA, Closing Remarks UNYD Markus Wane - 10 Year Anniversary UNSCR 2250 (YPS Agenda)

Vorbild und Warnung zugleich

Was mir diese Konferenz gezeigt hat: Was WPS in 25 Jahren aufgebaut hat – die Sprache, die Strukturen, die politische Sichtbarkeit – ist für die YPS-Agenda gleichzeitig Vorbild und Maßstab. Und die Versäumnisse, die dabei gemacht werden – der Verlust des Bezugs zur Basis, die Lücke zwischen Rahmenwerk und Umsetzung – eine Warnung, die wir ernst nehmen müssen.

Fragen oder Anmerkungen? Erreichbar unter markus-wainde.wane@bjv.at