Inklusionsbeirat diskutierte Barrieren im Gesundheitssystem
Beim 16. Treffen des Inklusionsbeirats Mitte Mai stand ein Thema im Mittelpunkt, welches schon lange auf der Wunschliste der Mitglieder stand: mentale sowie physische Gesundheit. Geladen waren zum Austausch auch Eva und Katta, Vertreter*innen des bundesweiten unabhängigen Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.
Gemeinsam wurde über die aktuelle Situation inklusiver Gesundheitsversorgung in Österreich gesprochen. Denn, obwohl Österreich vergleichsweise über ein gut ausgebautes Gesundheitssystem verfügt, erleben viele junge Menschen mit Behinderungen in Bezug auf den Zugang zu Gesundheitsversorgung erhebliche Hürden.
Wie inklusiv ist unser Gesundheitssystem?
Im gemeinsamen Austausch wurde deutlich, dass viele Mitglieder des Beirats eine zunehmende Entwicklung hin zu einer Zwei-Klassen-Medizin wahrnehmen. Wer in Österreich schnell eine gute Versorgung möchte, braucht die finanziellen Mittel oder die richtigen Kontakte. Der Beirat ist besorgt, dass bei der aktuellen Budgetlage zunehmend bei Kassenleistungen und der Prävention von gesundheitlichen Problemen eingespart wird.
Besonders frustrierend ist für viele vor allem die mangelnde Barrierefreiheit im Gesundheitsbereich: Arztpraxen und Gesundheitszentren sind häufig nicht barrierefrei zugänglich. Zu enge Türen und Stiegenhäuser sowie mangelnde Ausstattung für Rollstuhlfahrer*innen und fehlende Dolmetschangebote für gehörlose Menschen verhindern oft eine angemessene Versorgung. Berichtet wird davon, dass notwendige Untersuchungen manchmal gar nicht erst durchgeführt werden, weil die Erfahrung oder das Wissen beim Gesundheitspersonal sowie die technische Ausstattung fehlen.

Junge Menschen mit Behinderungen werden oft nicht einbezogen

Viele Mitglieder berichteten außerdem davon, medizinisches Personal regelmäßig über die eigene Behinderung „aufklären“ zu müssen. Oft muss bei Terminen wieder von vorne begonnen werden die eigene Krankengeschichte zu erklären. Besonders belastend ist es, wenn Ärzt*innen oder Pflegepersonal nicht direkt mit jungen Menschen mit Behinderungen sprechen, sondern ausschließlich mit Eltern oder Betreuungspersonen.
Junge Menschen mit Behinderungen fühlen sich dementsprechend bei Arztbesuchen manchmal fast unsichtbar, von oben herab oder nicht als selbstbestimmte Person behandelt.
Auch das Gefühl, mit bestimmten Beschwerden nicht ernst genommen zu werden, wurde vielfach angesprochen. Symptome werden häufig vorschnell auf die einzelnen Behinderungen zurückgeführt, wodurch andere Erkrankungen zu spät erkannt werden.
Der lange Weg zur Diagnose
Ein weiteres großes Thema war der oft mühsame Weg bis zu einer Diagnose. Kinder und junge Menschen mit Behinderungen müssen enorm viel Energie aufbringen, um passende Unterstützung und medizinische Abklärung zu erhalten. Eltern und Erziehungsberechtigte sind dabei oft gezwungen, sich intensiv selbst Wissen anzueignen und für ihre Kinder zu kämpfen – ein Aufwand, den nicht alle Familien gleichermaßen leisten können und der manchmal an einen Vollzeitjob erinnert.
Kritik gab es außerdem an fehlender Diversität in der medizinischen Forschung. Noch immer orientieren sich viele Studien überwiegend an weißen Männern ohne Behinderungen.
Dadurch fehlen wichtige medizinische Daten und Erkenntnisse über andere Personengruppen jenseits dieser vermeintlichen “Norm”, z.B. über Personen, bei denen intersektional verschiedenen Diskriminierungsformen zusammenkommen, etwa junge Frauen mit Behinderungen.

Psychische Gesundheit mitdenken
Neben körperlicher Gesundheit stand auch die psychische Gesundheit im Fokus des Treffens. Für die Mitglieder des Beirats ist klar: Körperliche und mentale Gesundheit lassen sich nicht voneinander trennen.
Gerade im Bereich psychischer Gesundheit bestehen jedoch große Versorgungslücken. Therapieplätze sind schwer zugänglich, Wartezeiten lang und die Angebote unterscheiden sich stark zwischen den Bundesländern. Besonders wichtig sei daher ein niederschwelliger und barrierefreier Zugang zu psychologischer und therapeutischer Unterstützung.
Wie sehen Wohlfühlpraxis, Wohlfühlärztin und Wohlfühltherapeut aus?
In Kleingruppen entwickelten die Mitglieder des Beirats schließlich Ideen für eine „Wohlfühl-Praxis“, eine “Wohlfühlärztin” und einen “Wohlfühltherapeuten”. Im Mittelpunkt standen dabei Barrierefreiheit und Kommunikation auf Augenhöhe, eine empathische und aufmerksame Art, und lebenslange Lernbereitschaft. Eine gute Gesundheitsversorgung bedeutet für die Mitglieder ganz klar nicht nur medizinische Kompetenz, sondern auch ernst genommen zu werden, selbstbestimmt entscheiden zu können und ohne zusätzliche Hürden Zugang zu Unterstützung zu erhalten.

Klingt interessant?
Im Inklusionsbeirat finden acht Treffen pro Jahr statt, bei denen sich junge Menschen mit Behinderungen über selbstgewählte Themen austauschen. Das nächste Treffen findet Mitte Juni in der BJV statt.
Wenn du Interesse hast, beim Inklusionsbeirat mitzumachen, schreib unserer Referentin Paula Schwentner eine Mail an paula.schwentner@bjv.at oder ruf sie unter +43 676 880 11 11 53 an! Wir freuen uns auf dich!